Into the archives: ARTPOOL

The Experimental Art Archive of East-Central Europe

Liszt Ferenc tér 10, Budapest
Ich klingele an einem der alt-ehrwürdigen, großen Häuser am  Liszt Ferenc Platz. Betrete den Hausflur, der in einen großen Innenhof führt, gehe die Treppe rauf, betrete einen weiteren langen, offenen Flur und treffe auf die Eingangstür von Artpool, auf der zu lesen ist:
„if something doesn’t exist but will then it does exist“.
Es existiert wirklich: das Artpool Art Research Center. In handbeschriebenen Boxen, die in Regalen bis zur hohen Decke der großen Altbauwohnung gestapelt sind, lagern z.B. Künstlerbücher, Zines, Postkarten, Videotapes und DVDs, sowie Kassetten und Festplatten voll von künstlerischem Material aus den 60er Jahren bis heute. Die Schwerpunktthemen: fluxus, performance, conceptual art, installation art, sound poetry, radio and sound art, visual poetry, artists’ books, mail art, artists’ stamps, artists’ postcards, artists’ periodicals, copy art, computer art, video art, public art, street art, gender, etc. Seit 24 Jahren, also seit 1992 existiert Artpool in dieser Form und an diesem Ort, als öffentliche non-profit Institution – bestehend aus Bibliothek, Multimedia-Archiv und Ausstellungsraum.
Angefangen hat es anders. Nämlich mit diesem Satz: „Please send us information about your activity“. Das war 1978, als Julia Klaniczay und György Galántai den Faltflyer über György Galántais künstlerische Arbeit aus Ungarn an Künstler und Kunstinstitutionen in der ganzen Welt verschickten. Julia Klaniczay lächelt, während wir gemeinsam den Flyer ansehen – 38 Jahre später. Informationen kamen nämlich tatsächlich: In Form einer Welle von Zusendungen, die dann den Grundstock für das Archiv bildeten, welches die beiden ein Jahr später gründeten – zunächst in den eigenen vier Wänden. In den ersten zehn Jahren war dieses eine alternative, illegale Institution, die vor allem über die Aktivitäten von Künstlern „vor“ dem eisernen Vorhang informieren, und Künstler vor Ort vernetzen wollte. Zu diesem Zweck gab es auch ein Magazin (AL = Artpool Letter) und einen Mail Art Newsletter (Pool Window).
„the Archive as living institution“
Artpool ist ein „aktives Archiv„. Es hat eine Biografie, die beständig weitergeschrieben wird und versteht sich als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und als Ausgangspunkt für Fragen der Zukunft. Lebendig ist das Archiv besonders dadurch, dass die beiden Gründer anwesend sind, in persona und in Form ihrer eigenen Geschichte, die eng mit der des Archivs verwoben ist. Es wirkt dadurch auf mich irgendwie „authentisch“ und wirft grundlegende Fragen des Sammelns und Archivierens auf: Was hat gerade einen Wert, wie setzt sich dieser zusammen und wie wird sich die Bedeutung in der Zukunft verändern? Was sind die Interessen der Sammler und in welchem Verhältnis stehen diese zum Archiv? Was haben die künstlerischen Strömungen von heute mit denen von damals zu tun? Und: Kann man die Fragen von heute in den Antworten von damals finden? Oder: Haben sie überhaupt etwas miteinander zu tun?
Nach zwei intensiven Tagen im Archiv stehe ich irgendwann wieder auf dem Liszt Ferenc Platz, heute, im März 2016. Und lasse Artpool, eine Zeit-Raum-Kapsel inmitten einer Stadt, die sich gerade sehr verändert, hinter mir. In absehbarer Zeit steht eine weitere Transformation des Archivs an, denn es wird umziehen und in einer veränderten Form fortleben. Davor sollte man es unbedingt im heutigen Zustand besuchen, nutzen, befragen und bestücken.


Alle Fotografien von Marina Kampka

ARTPOOL
director / managing director: Julia Klaniczay
artistic director: György Galántai
H-1061 Budapest, Liszt Ferenc tér 10., Hungary
www.artpool.hu

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