Ein fan­tas­ti­scher Neu­zu­gang – An­toi­ne Lef­eb­v­res „La Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique“ (Oder die Fra­ge: Wann ist ein Buch über­haupt ein Buch?)

Seit De­zem­ber 2014 be­her­bergt das Ar­chiv Ar­tist Pu­bli­ca­ti­ons in Mün­chen ei­nes der wohl span­nends­ten Bi­blio­theks­kon­glo­me­ra­te un­se­rer Zeit – „La Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique“ von An­toi­ne Lef­eb­v­re. 2009 be­gann der Künst­ler, Ku­ra­tor und Ver­le­ger, in sei­ner fan­tas­ti­schen Bi­blio­thek ver­schie­dens­te Künst­ler­bü­cher zu sam­meln und frei zu­gäng­lich zu ma­chen. Was die­sen Bü­chern fehlt, ist ihr Wa­ren­cha­rak­ter: Zu­sam­men­ge­stellt aus Schwarzweiß-Kopien, ent­schlackt von ISBN-Nummern, die Na­men der Au­to­ren teils über­schrie­ben oder un­kennt­lich ge­macht, wer­den sie – ganz im Sin­ne der Ap­pro­pria­ti­on Art – zu ei­gen­stän­di­gen Kunst­wer­ken. Tex­te, Bil­der und Ti­tel­blät­ter sind be­reits Vor­han­de­nem ent­nom­men und wer­den, wie et­wa Mi­chel Fou­caults Es­say „La Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique“ (auf den Lef­eb­v­re sich ganz of­fen­kun­dig be­zieht), ver­viel­fäl­tigt.
An­de­re Bü­cher wur­den von Künst­le­rin­nen und Künst­lern wie Ali­ce Wang und La­wrence Wei­ner neu pro­du­ziert, zu­sam­men­ge­stellt, über­schrie­ben, be­ar­bei­tet oder an­ge­eig­net.

La Bibliothèque Fantastique: "No Drawing No Cry" von Frédéric Vincent.

La Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique: „No Drawing No Cry“ von Frédé­ric Vin­cent.

Ausstellungsansicht der LBF im Kunstraum immanence, Paris, 18. - 24. April 2013. (Foto: www.archive.printeresting.org)

Aus­stel­lungs­an­sicht der LBF im Kunst­raum im­ma­nence, Pa­ris, 18. – 24. April 2013. (Fo­to: www​.ar​chi​ve​.prin​te​res​ting​.org)

An­toi­ne Lef­eb­v­re macht „La Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique“ nicht nur in Aus­stel­lun­gen im­mer wie­der ei­nem Pu­bli­kum zu­gäng­lich, die Bi­blio­thek fun­giert auch als vir­tu­el­le Platt­form: Auf der Home­page www​.la​bi​blio​the​que​fan​tas​tique​.net ste­hen die Be­stand­tei­le der Bi­blio­thek je­dem zu je­der Zeit und von je­dem Ort aus zur per­sön­li­chen An­eig­nung – zum kos­ten­lo­sen Down­load und Aus­dru­cken – be­reit. Aber kann man über­haupt von Bü­chern spre­chen, die auf der Platt­form in di­gi­ta­ler Form be­reit­ste­hen? Wer­den die Da­tei­en erst zum Buch, in­dem sie in ei­ne ana­lo­ge Form ge­bracht wer­den? Was ist hier Kunst­werk, was Pu­bli­ka­ti­on und wer ist der Au­tor? Der­ar­ti­ge Fra­gen wirft An­toi­ne Lef­eb­v­res Idee der LBF auf.

"La Bibliotheque Fantastique", persönliches Ausstellungsset von Antoine Lefebvre. Box mit 112 Heften.

„La Bi­blio­the­que Fan­tas­tique“, per­sön­li­ches Aus­stel­lungs­set von An­toi­ne Lef­eb­v­re. Box mit 112 Hef­ten.

Die kom­plet­te Bi­blio­t­hèque Fan­tas­tique ist im Ar­chi­ve Ar­tist Pu­bli­ca­ti­ons ab so­fort so­wohl in di­gi­ta­ler als auch ana­lo­ger Form zu­gäng­lich. Mit An­toi­ne Lef­eb­v­res per­sön­li­chem Aus­stel­lungs­set der LBF mit 112 ge­loch­ten Hef­ten und acht Son­der­an­fer­ti­gun­gen be­fin­den sich auch ex­klu­si­ve Pro­duk­tio­nen, „Ori­gi­na­le“, die di­gi­tal nicht exis­tie­ren, im Ar­chiv. Da­zu ge­hört auch die vier­tei­li­ge Dis­ser­ta­ti­on von Lef­eb­v­re zum The­ma „Por­trait de L’Artiste en Edi­teur – L’edition com­me pra­tique ar­tis­tique al­ter­na­ti­ve“ an der Uni­ver­sité Pa­ris 1, Panthéon-Sorbonne, in­klu­si­ve Ka­ta­log­teil, fo­to­gra­fi­scher Do­ku­men­ta­ti­on der Aus­stel­lun­gen der LBF und ei­nem Band mit In­ter­views mit Ben Kin­mont, Mat­thew Stad­ler, Fi­lip Noter­daeme, Bet­ti­na Funcke, Ghis­lain Mollet-Viéville, Da­na Wy­se, Ber­nard Bru­n­on und Jean-Claude Moi­ne­au. 

"Collection DADA", Sammelbox mit 22 Heften.

„Collec­tion DADA“, Sam­mel­box mit 22 Hef­ten.

Verschiedene Sammelboxen der "Bibliothèque Pirate" und  "La Bibliothèque Situationniste".

Ver­schie­de­ne Sam­mel­bo­xen der „Bi­blio­t­hèque Pi­ra­te“ und „La Bi­blio­t­hèque Si­tua­ti­onnis­te“.

"Pirate Box"

„Collec­tion Pi­ra­te“, Sam­mel­box mit 18 Hef­ten.

Eben­falls zu­gäng­lich sind „La Bi­blio­t­hèque Si­tua­ti­onnis­te“ und „La Bi­blio­t­hèque Pi­ra­te“: ver­schie­de­ne Sam­mel­bo­xen mit Ti­teln wie „Collec­tion DADA“ oder „Collec­tion Pi­ra­te“, die sel­te­ne Pu­bli­ka­tio­nen der DADA-Mitglieder, Künst­ler­bü­cher von Bernd und Hil­la Be­cher, Mar­cel Broodtha­ers, Han­ne Dar­bo­ven uvm. be­inhal­ten.

"Element Box" von Samuel Yal, mit sechs Porzellanmasken.

„Ele­ment Box“ von Sa­mu­el Yal, mit sechs Por­zel­lan­mas­ken.

Die „Ele­ment Box“, ge­stal­tet von Sa­mu­el Yal, zeigt ein­drück­lich die Gren­zen, die Lef­eb­v­res Pro­jekt aus­lo­tet. An­ge­sie­delt zwi­schen Pu­bli­ka­ti­on und Kunst­werk fun­giert das Buch be­zie­hungs­wei­se Heft als Künst­ler­buch oder ei­ne Art Ka­ta­log. Auch die­se Ar­beit kann on­line an­ge­se­hen, her­un­ter­ge­la­den und aus­ge­druckt wer­den. Gleich­zei­tig ist aber der In­halt des Hef­tes – Ab­bil­dun­gen von klei­nen Por­zel­lan­mas­ken, die an ei­ner wei­ßen Wand be­fes­tigt sind – An­lei­tung für die ei­ge­ne In­stal­la­ti­on der sechs klei­nen Por­zel­lan­mas­ken, die der Box bei­lie­gen. Der Be­sit­zer der Box er­hält da­mit selbst die Mög­lich­keit der Ap­pro­pria­ti­on: er wird auf­ge­for­dert, das Ar­ran­ge­ment der Mas­ken an der Wand, das ab­fo­to­gra­fiert wur­de, nach­zu­stel­len.

Postkarten, Plakate und ... der LBF.

Post­kar­ten, Pla­ka­te und Hef­te der LBF.

Auch die Aus­ga­ben 1-9 der Zeit­schrift „Le Car­ré“ (her­aus­ge­ge­ben von An­toi­ne Lef­eb­v­re), sind eben­so wie „Le dos­sier Fil­liou“, ei­ner Art Künst­ler­ma­ga­zin mit Bei­trä­gen von Sté­pha­ne Le­comte, Jean-Hubert Mar­tin, Charles Drey­fus, Jean Le Gac u.a. ne­ben di­ver­sen Post­kar­ten und Pla­ka­ten im Ar­chi­ve Ar­tist Pu­bli­ca­ti­ons ver­sam­melt. Ei­ne Viel­falt poe­ti­scher Sin­gu­la­ri­tä­ten al­so, die die Fra­ge nach dem Buch im­mer wie­der auf­wer­fen.