Befreiung für wen? Sexuelle Freiheit und Frauenbilder in twen

Twen
twen war eine bekannte deutsche Jugendzeitschrift, die 1959 in Köln gegründet wurde und kurz darauf nach München umzog. Um Teenager und junge Erwachsene direkt anzusprechen, setzte das Magazin zum einen auf eine provokative Ästhetik und Gestaltung, die vor allem dem Designer und Art Director Willy Fleckhaus zu verdanken war, und zum anderen auf eine Vielfalt an Themen, wie Liebe, Sex, individuelle Lebensprobleme, Politik, Hobbys, Musik und Massenmedien. twenbot jungen Menschen damit eine Plattform, auf der sie sich selbst ausdrücken und über ihre eigenen Erfahrungen sprechen konnten (unter anderem über Leserbriefe, die in jeder Ausgabe beantwortet wurden). Im Kontext seiner Zeit kann man das Magazin als eine Revolution in der Welt der Medien und schließlich als eine Stimme für die neue Jugend sehen, die sich zunehmend von den zurückhaltenden Vorstellungen der Nachkriegsgeneration löste.
Was aber noch nähere Aufmerksamkeit verdient, ist der Inhalt der Zeitschrift selbst, der größtenteils von Männern erstellt wurde und in dem die Frau häufig eher als ein Objekt der Betrachtung erscheint. Dies lässt sich besonders an den zahlreichen Fotografien von Frauen erkennen, auf denen sie meistens halb oder vollständig nackt erscheinen. Auch wenn solche Darstellungen für die damalige Zeit weniger ungewöhnlich gewesen sein mögen, können diese Aspekte aus heutiger Perspektive deutlich kritischer betrachtet werden.
Ein Beispiel, das sich näher analysieren lässt, ist der Artikel „Wer macht die Kultur der Liebe kaputt?“ (1969, Nr. 6, S. 15). Der Text beschäftigt sich unter anderem mit den Folgen der Antibabypille und thematisiert auf den ersten Blick die damit gewonnene neue sexuelle Freiheit.
Der Text ist eine Antwort von David Milian auf Marianne Roncos Klage in einer der vorherigen Ausgaben, in der Männer mit Kaninchen verglichen werden, da sie seit dem Erscheinen der Antibabypille stärker an Sex orientiert seien, jedoch ohne die romantische „Kultur der Liebe“, die es früher gab.
David stimmt zu, dass die frühere „Kultur der Liebe“ verloren gegangen ist, liefert aber andere Argumente. Er sieht die romantische Liebe eher als etwas Inszeniertes und spricht weiter über die Pille. Er gibt zu, dass die Pille sexuelle Freiheit mit sich bringt und Frauen nun eine gewisse Kontrolle über eine mögliche Schwangerschaft haben können. Er argumentiert aber weiter aus männlicher Sicht und beschäftigt sich mit der Frage, welche Folgen die Pille vor allem für Männer hat. In seiner Argumentation scheint die Pille den Männern etwas von ihrer Männlichkeit zu nehmen. War die Liebe früher ein „Abenteuer”, ist sie nun durch Sicherheit geprägt. Galt früher eine Ablehnung durch die Frau als Ausdruck ihrer Angst, schwanger zu werden, und somit als Anerkennung der männlichen Dominanz, hat sich dies nun verändert. David verbindet also Männlichkeit stark mit Zeugungskraft, die durch die Pille in ihrer Bedeutung beeinträchtigt wird.
Er geht weiter und stellt sich vor, was wäre, wenn es eine Pille für Männer gäbe. Er glaubt, dass sie nicht erfolgreich wäre, da es dem Mann psychologisch schwerfallen würde, auf seine Zeugungskraft zu verzichten. Ein Mann, der keine Frau schwängern kann, würde sich demnach als „Versager” fühlen.
Schließlich fasst David seine Gedanken zusammen: die Liebe sollte nicht mehr nach alten Schablonen existieren, sondern man sollte eine neue „Kultur der Liebe“ entwickeln, die der neuen Zeit entspricht.
Einerseits unterstützt David die sexuelle Befreiung und den Verzicht auf die alte Moral. Er gibt zu, dass die Pille Frauen mehr Kontrolle ermöglicht und Sex nicht mehr so stark mit seinen möglichen Folgen verbunden ist. Für die damalige Zeit war das tatsächlich ein revolutionärer Moment. Andererseits tritt männliche Sexualität ins Zentrum, obwohl es eigentlich um weibliche Freiheit geht. Er diskutiert also, was diese sexuelle Befreiung eigentlich für den Mann bedeutet. Eine wichtige Frage ist auch, warum Männlichkeit so stark mit der Zeugungsfähigkeit verbunden wird. Aus heutiger Sicht könnte man darin ein sehr traditionelles Verständnis der Geschlechterrollen sehen.
Sagt David aber, was Frauen eigentlich möchten? Wie erleben sie diese neue sexuelle Freiheit? Was bedeutet die Pille für sie selbst? Die Antwort ist nein. Er beschreibt die Frau vor allem als Partnerin des Mannes, die er entweder bekommen und schwängern kann oder nicht. Dies lässt sich gut auf die generelle Repräsentation der Frauen in twenzurückführen.
Ein weiteres Beispiel befindet sich in derselben Ausgabe unter dem Titel „Die Formen der Frau sind wandelbar wie der Geschmack der Männer” (S. 60). In dem Artikel wird der weibliche Körper detailreich über verschiedene Epochen hinweg analysiert und dabei kritisiert, dass die Vorstellungen von weiblicher Schönheit stark von männlichen Idealen geprägt waren. Schließlich erkennt der Autor die Emanzipation der Frauen an und hebt ihre Möglichkeit hervor, sich so zu zeigen, wie sie selbst wollen. Auf den ersten Blick klingt dies für die damalige Zeit sogar radikal. Aus heutiger Sicht erscheint der Artikel jedoch widersprüchlich.
Schon die Überschrift unterstützt die These, dass die Vorstellungen vom weiblichen Körper historisch stark von Männern bestimmt wurden. Und diese Perspektive bleibt auch im Text sehr präsent. Der weibliche Körper wird anhand einzelner Körperteile betrachtet und es wird analysiert, welche Formen zu unterschiedlichen Zeiten als schön galten. Gleichzeitig verwendet der Autor selbst Bezeichnungen wie „Baukunstwerk Frau” und „lebendes Objekt”, die der beschriebenen Selbstbestimmung der Frauen zu widersprechen scheinen. Zusätzlich werden Frauen in verschiedene Bautypen eingeteilt. Der Text kritisiert also die männliche Bestimmung der weiblichen Schönheitsideale, bewertet und klassifiziert aber den weiblichen Körper selbst weiterhin von außen.
Damit ähnelt der Artikel dem vorherigen Beispiel. Er spricht ein für die damalige Zeit progressives Thema an, bleibt jedoch teilweise an genau jene männliche Perspektive gebunden, die er selbst kritisiert.
Die beiden Texte zeigen, wie widersprüchlich diese neue Freiheit aus heutiger Perspektive erscheint. twenwarf für die 60er- und 70er-Jahre wirklich wichtige Themen auf. Aber selbst die Sprache, die die Zeitschrift zur Beschreibung der weiblichen Selbstbestimmung nutzte, blieb oft von männlicher Sicht geprägt. Das Magazin zeigt also, wie die sexuelle Revolution der 60er- und 70er-Jahre einerseits im Vergleich zu früheren Generationen progressiv war, andererseits aber trotzdem weitgehend an alte Geschlechtervorstellungen gebunden blieb.
Olesia Krushelnytska
Von twen finden Sie im AAP 35 Ausgaben